Schaukelstuhl der Kultsessel
„Jonathan, hör auf, auf deinem Stuhl zu wippen – gleich kippst du um, was denkst du, warum der vier Beine hat?“ Kommen da Erinnerungen an die Schulzeit hoch? Mussten Sie diese Worte vielleicht auch schon mal in den Mund nehmen? Wurden sie Ihnen gegenüber gar schon des Öfteren ausgesprochen? Dann erinnern Sie sich wahrscheinlich auch noch an den dumpfen Aufprall, den man früher oder später hören musste, weil Jonathan nicht hören wollte. Und falls Sie gerade einer dieser Jonathans waren kennen sie womöglich auch noch den Schmerz, wenn es tatsächlich einmal abwärtsging.

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Hätten Sie denn auch die Frage beantworten können, warum der Stuhl vier Beine hat? Ja, warum eigentlich? Jeder Max Mustermann, der beim Basteln versucht, einen Stuhl zu bauen, muss enttäuscht feststellen, dass ein Bein nicht lang genug ist, und der Stuhl daher fies wackelt, wenn man ihn falsch berührt. Auch wenn wir nicht allzu schnell eine komplett richtige Antwort finden werden, wissen wir, dass Stühle ja eigentlich gar nicht vier Beine haben müssen und dass das lediglich zur relativen Gewohnheit geworden ist. Wir kennen alle Schaukelstühle, die, vereinfach gesprochen, unter ihren vier Beine noch mal zwei runde Kufen aufgesetzt haben. Verwundert stellen wir dann oft genug wieder fest, dass Opa immer noch so sehr an seinem alten Teil hängt, was eigentlich bei jedem Schaukeln nur lästig knarrt. Was nun folgt, ist eine Analyse, ob Sie Schaukelstühle wirklich kennen. Sie könnten nach dem Lesen Ihre Einstellung zu Schaukelstühlen fundamental geändert haben!
Wie sieht ein Schaukelstuhl aus?
Als gängige Antwort wird hier nun gesagt werden, dass bei einem Schaukelstuhl eine etwas rundliche Sitzfläche zwischen zwei runden Holmen verspannt wird, die ein wenig so aussehen wie die gebogenen Kufen eines Schlittens. Der gesamte Stuhl hat dann eine Form, die ein wenig an ein geschwungenes L erinnert, und steht meistens dann im Gleichgewicht, wenn seine Sitzfläche nicht ganz horizontal ist.
Diese Beschreibung des gängigen Kultstückes ist in Europa am weitesten verbreitet und wurde von einem der weltberühmten Pioniere im Möbeldesign, nämlich von Michael Thonet zu beginn des neunzehnten Jahrhunderts entwickelt. Er unterteile seine Produkte damals noch ganz romantisch nach … Nummern! Deswegen hat einer der berühmtesten Stühle weltweit ursprünglich nur Schaukelstuhl Nummer 1 genießen. Wenn man da nicht froh sein muss, dass es heutzutage, dank der Kreativkräfte der Möbelindustrie so einfach geworden ist, einen ausgefallenen Namen für sein Kind zu finden.
Diese Form ist aber bei Weitem nicht die einzige Form, die ein Schaukelstuhl heutzutage zu bieten hat, sodass der Schaukelstuhl im weiteren Sinne inzwischen jünger geworden ist, während man das von Opa wahrscheinlich nicht sagen kann.
Schaukelstühle kann es in allen Formen und Ideen geben, solange sie das Kriterium erfüllen, dass sie, welche Überraschung, schaukeln können. Gängig sind dabei heutzutage zum Beispiel auch oft Stühle, denen die Kufen einfach abmontiert wurden und die Sitzfläche so abgerundet wurde, dass man wunderbar in sie hineinfallen und losschaukeln kann. Andere Stühle wiederum sehen eher aus, wie Stühle, denn man an den Esstisch setzen sollte. Aber anstatt auf vier Beinen zu stehen, haben sie links und rechts zwei geschlungene Scheiben, die über die Sitzfläche hinaus nach oben gehen und daher direkt als Lehne dienen können. Das Ganze sieht unheimlich modern gebaut aus und verleiht dem Stuhl den Eindruck einer perfekten Verarbeitung.
Ganz raffiniert werden die Stühle dann, wenn man, auch beim oben beschriebenen Stuhl möglich, unter der Sitzfläche einen kleinen Hebel umlegen kann und sich dann aus den Kufen kleine Räder herausdrücken, sodass man den Schaukelstuhl einfach durch den Raum rollen kann.
Andere Schaukelstühle sind so konstruiert, dass zwei ineinander geklappte Ringe also Kufen dienen und die Sitzfläche genau dort auf die Ringe montiert ist, wo sich die Ringe scheiden.
Last, but not least kann man sogar Schaukelstühle kaufen, die sich nicht nur nach vorne und hinten, sondern gleichzeitig auch seitlich kippen lassen. Die gesamte Palette könnte noch viel weiter verlängert werden, beispielsweise durch Schaukelstühle, die eckige Kufen haben, dass man nicht sofort zurück wippt oder durch einen „Einteiler“, der aus einer langen Platte besteht, welche so gebogen ist, dass sie ein wenig wie ein umgefallener Torbogen aussieht und sich wunderbar zum Schaukel eignet, aber eine Bildersuche bei Google reicht hierbei als Empfehlung aus, um noch weitere Inspirationen zu erhalten.
Die zweite wichtige Frage, die es zu beantworten gilt, ist: „Woraus sind Schaukelstühle denn eigentlich gemacht?“
Als Antwort wäre beispielsweise etwas wie: „Ach, ja, hier, dieser Holzstoff da, weißt du, den man so gut biegen kann“ zu erwarten. Haben Sie sich eigentlich schon einmal überlegt, wie Holz so gebogen werden kann, ohne dass es bricht? Alle Kinder, die gerne Cowboy und Indianer spielen, kommen weinend nach Hause gelaufen, weil der Cowboy die Pistole hatte und dem Indianer beim Pfeilschießen der Bogen einfach in der Mitte durchgebrochen ist.
Die Antwort der Biegfähigkeit liegt darin, dass gewissen Holzsorten, wie beispielsweise Buchenholz gebogen werden können, wenn mit extrem heißem Wasserdampf besprüht werden. Die biologische Zellstruktur weicht dabei auf und lässt sich verbiegen. Sobald der Dampf abschwächt, verhärtet sich die Struktur wieder und das Holz bleibt in der gebogenen Form.
Da der ganze Prozess Aufwand benötigt, ist es heute auch gängig, Schaukelstühle beispielweise aus gebogenem Metallrohl herzustellen.Die oben erwähnte gebogene Platte besteht meistens aus einem starken Kunststoff.
Ein letzter Stoff, der extrem häufig zum Einsatz kommt, weil er sich leicht verbiegen lässt und gleichzeitig stabil und vor allen Dingen gut und schön zu verarbeiten ist, ist Rattan. Solche Stühle lassen sich auch eingefärbt erwerben, sodass man Opas altem Dingen in der Ecke, einen neuen trendigen kleinen Bruder, beispielsweise für das Kinderzimmer, entgegensetzen kann. Gleichzeitig sehen sie aufgrund des Rattan aber immer noch am authentischsten aus, wenn man sie mit dem über 200 Jahre alten Klassiker vergleicht. Neben Mettalstühlen sind Stühle aus Kunststoffrattan auch die einzigen Modelle, die witterungsbeständig sind.
Gute Schaukelstühle kosten je nach Produkt und Raffinesse zwischen 100 € und 500 €. Manche Stühle, wie beispielsweise der erwähnte Stuhl, der in alle Richtungen wippen kann, beziffern sich aber auch auf über 1.000 €. Wie so oft, gibt es mal wieder eine Produktvarianz, die jedem Geldbeutel seine individuelle Freude machen kann.
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9. Dezember 2009 | Von Jens Wertheimer | Kategorie: Wohnen

